Erhalt von Medienkunst: Was tun, wenn die Technik veraltet?
Zusammenfassend:
- Der Erhalt von Medienkunst fokussiert auf die Bewahrung der Werk-Identität, nicht zwingend der Original-Hardware.
- Strategien reichen vom Anlegen von Ersatzteillagern über Emulation bis hin zur Migration auf neue Technologien.
- Die umfassende Dokumentation von Code, Hardware und Künstlerintention ist wichtiger als das physische Gerät.
- Deutsche Institutionen wie das ZKM in Karlsruhe sind führend in der Entwicklung von Erhaltungsstrategien.
- Ethische Überlegungen und Künstlerinterviews sind entscheidend, um die Authentizität des Werkes zu wahren.
Das Flimmern eines Röhrenmonitors, das Surren eines alten Diaprojektors, der Ladebildschirm eines Amiga 500 – Medienkunst spricht eine Sprache, deren Vokabular aus Technik besteht. Doch was geschieht, wenn diese Technik verstummt? Für Konservatoren und Sammler in Deutschland ist dies keine hypothetische Frage, sondern eine drängende Realität. Ein defekter Projektor oder ein nicht mehr startender Computer kann den Unterschied zwischen einem erlebbaren Kunstwerk und einem Haufen Elektroschrott bedeuten. Der erste Impuls ist oft, das Originalgerät um jeden Preis zu reparieren oder zu ersetzen, ein Kampf gegen die Zeit und die geplante Obsoleszenz.
Dieser Ansatz greift jedoch zu kurz. Die gängige Praxis, lediglich nach Ersatzteilen zu suchen, ist oft nur ein Aufschub des Unvermeidlichen. Die wahre Herausforderung und die Kunst der modernen Konservierung liegen tiefer. Was, wenn der Schlüssel zum Erhalt nicht im Festhalten an sterbender Hardware liegt, sondern in der strategischen Entkopplung der künstlerischen Idee von ihrer ursprünglichen physischen Form? Es geht darum, die Werk-Identität – das Verhalten, die Interaktion, die Ästhetik – zu verstehen und für die Zukunft zu übersetzen.
Dieser Artikel führt Sie durch die modernen Strategien zur Erhaltung von Medienkunst, die weit über das Horten alter Kabel hinausgehen. Wir werden untersuchen, wie man ein strategisches Ersatzteillager anlegt, wann Emulation die bessere Alternative zur Originalhardware ist und warum der Quellcode die eigentliche „Partitur“ des Kunstwerks darstellt. Basierend auf der Expertise führender deutscher Institutionen wie dem ZKM Karlsruhe und dem Verband der Restauratoren (VDR) zeigen wir Ihnen einen Weg auf, der nicht nur Objekte, sondern die Essenz der Kunst für kommende Generationen bewahrt.
Der folgende Leitfaden bietet Ihnen einen strukturierten Überblick über die entscheidenden Aspekte und Strategien, die für die langfristige Sicherung Ihrer Sammlung von Medienkunst von Bedeutung sind. Jeder Abschnitt widmet sich einer zentralen Herausforderung und stellt praxiserprobte Lösungen vor.
Inhaltsverzeichnis: Strategien zur Bewahrung technologischer Kunstwerke
- Ersatzteillager anlegen: Warum Sie alte Glühbirnen und Kabel horten müssen
- Emulation statt Originalhardware: Wie Sie Werke aus den 90ern auf modernen PCs laufen lassen
- Der Quellcode als Exponat: Warum Dokumentation wichtiger ist als die Hardware
- Interview zur Erhaltung: Welche Fragen müssen Sie dem Künstler zu Lebzeiten stellen?
- Migrationsethik: Verändert ein neuer Flachbildschirm die Aussage einer Röhrenfernseher-Installation?
- Dauerausstellung vs. Ruhephasen: Wann muss ein Exponat zurück ins Dunkle?
- Veraltete Formate: Wie bleibt Ihre Medienkunst auch in 20 Jahren noch lesbar?
- Klimakontrolle für Exponate: Wie Sie Papier und Textilien vor dem Zerfall schützen
Ersatzteillager anlegen: Warum Sie alte Glühbirnen und Kabel horten müssen
Der erste Reflex beim Ausfall einer technischen Komponente ist die Reparatur. Dieser Ansatz, der sogenannte „Originalerhalt“, ist in vielen Fällen die erste und wichtigste Verteidigungslinie zur Bewahrung der Authentizität eines Werkes. Wenn die spezifische Haptik, das Geräusch oder die visuelle Anmutung eines bestimmten Gerätemodells integraler Bestandteil der künstlerischen Aussage sind, ist sein Erhalt unerlässlich. Dies erfordert eine vorausschauende und fast schon archäologische Herangehensweise: das Anlegen eines strategischen Ersatzteillagers. Dabei geht es nicht um wahlloses Sammeln, sondern um die gezielte Beschaffung von identischen oder baugleichen Geräten, spezifischen Kabeln, seltenen Leuchtmitteln oder sogar einzelnen Platinen.
Online-Auktionsplattformen, Foren für Retro-Technik und spezialisierte Händler werden zu wichtigen Quellen. Es ist entscheidend, nicht nur ein Ersatzgerät, sondern idealerweise mehrere zu erwerben, um zukünftige Reparaturen zu gewährleisten. Diese Teile sollten unter optimalen klimatischen Bedingungen gelagert werden, um ihre Alterung zu verlangsamen. Der Aufwand ist beträchtlich, aber oft der einzige Weg, ein Werk in seiner ursprünglichen Form zu erhalten.
Fallbeispiel: Restaurierung von Nam June Paiks „Fish Flies on Sky“ im Museum Kunstpalast Düsseldorf
Ein herausragendes Beispiel für den erfolgreichen Originalerhalt ist die Restaurierung der berühmten Videoinstallation von Nam June Paik. Die Strategie umfasste die akribische Bearbeitung der originalen Röhrenmonitore und Chassis. Anstatt die Monitore komplett auszutauschen, wurden einzelne Bauteile repariert oder durch identische Komponenten ersetzt. Dieses komplexe Projekt wurde von einem Team aus Spezialisten für Bildschirmsysteme durchgeführt, dem auch ein langjähriger technischer Assistent von Nam June Paik angehörte, um die ursprüngliche Intention des Künstlers detailgetreu zu rekonstruieren.
Das Horten von Ersatzteilen ist somit kein nostalgischer Akt, sondern eine professionelle konservatorische Notwendigkeit. Es sichert die materielle Basis des Kunstwerks und verschafft wertvolle Zeit, um langfristige Erhaltungsstrategien wie die Emulation oder Migration vorzubereiten, falls die Originalhardware endgültig nicht mehr zu retten ist.
Emulation statt Originalhardware: Wie Sie Werke aus den 90ern auf modernen PCs laufen lassen
Wenn die Reparatur der Originalhardware unmöglich wird oder die Ersatzteile erschöpft sind, tritt die nächste Erhaltungsstrategie in den Vordergrund: die Emulation. Emulation ist der Prozess, bei dem eine moderne Computerumgebung das Verhalten einer veralteten Hardware- oder Softwareplattform nachahmt. Ein Werk, das ursprünglich für einen Commodore 64 oder ein frühes Windows-Betriebssystem geschaffen wurde, kann so auf einem aktuellen PC lauffähig gemacht werden, ohne den ursprünglichen Code zu verändern. Dies ist ein entscheidender Schritt weg von der reinen Objektkonservierung hin zur Konservierung von Verhalten und Funktionalität.
Dieser Ansatz ist in der professionellen Museumswelt längst etabliert. Führende Institutionen in Deutschland haben die Bedeutung der Emulation früh erkannt. So hat das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, eine weltweit anerkannte Autorität auf diesem Gebiet, bereits früh die Weichen gestellt, wie das seit 2004 bestehende Labor für antiquierte Videosysteme beweist. Hier wird Expertise gebündelt, um historische Werke für die Zukunft zugänglich zu machen.

Die Emulation erfordert technisches Spezialwissen. Es müssen Emulatoren wie DOSBox für alte PC-Anwendungen oder spezialisierte Programme für historische Videospielkonsolen eingesetzt werden. Die Herausforderung besteht darin, nicht nur die Software zum Laufen zu bringen, sondern auch die charakteristischen Eigenschaften des Originals – wie spezifische Ladezeiten, eine bestimmte Farbdarstellung oder sogar technische „Fehler“ – exakt nachzubilden. Gelingt dies, wird die variable Manifestation des Werkes Realität: Die Kunst lebt auf einer neuen Plattform weiter, während ihre konzeptuelle Identität gewahrt bleibt.
Der Quellcode als Exponat: Warum Dokumentation wichtiger ist als die Hardware
Die radikalste und zugleich zukunftssicherste Perspektive auf die Erhaltung von Medienkunst betrachtet die Hardware als austauschbares Abspielgerät und den Quellcode als die eigentliche Essenz des Werkes. In Anlehnung an die Musik ist der Code die Partitur, die auf verschiedenen Instrumenten (Hardware) interpretiert werden kann. Wenn diese Partitur fehlt oder unleserlich ist, ist das Werk für immer verloren, selbst wenn die Originalhardware noch existiert. Eine umfassende und verständliche Dokumentation wird somit zur wichtigsten konservatorischen Aufgabe und übertrifft an Bedeutung sogar den Erhalt der physischen Komponenten.
Diese Dokumentation geht weit über technische Handbücher hinaus. Sie muss das „implizite Wissen“ des Künstlers einfangen: Warum wurde eine bestimmte Technologie gewählt? Welche ästhetische Wirkung war beabsichtigt? Welche technischen Eigenheiten sind für das Werk konstitutiv? Deutsche Museen wie der Hamburger Bahnhof in Berlin setzen sich intensiv mit der Erfassung dieses schwer greifbaren Wissens auseinander, um die Authentizität bei zukünftigen Aufführungen zu gewährleisten.
Fallbeispiel: Dokumentation impliziten Wissens am Hamburger Bahnhof, Berlin
In Fachvorträgen präsentieren Konservatorinnen und Restauratorinnen des Hamburger Bahnhofs ihre Herangehensweise anhand von Fallbeispielen aus der Sammlung. Im Fokus steht dabei die zentrale Frage, wie das oft nur mündlich überlieferte oder in den Arbeitsprozessen verborgene Wissen der Künstler systematisch erfasst und für zukünftige Restaurierungsentscheidungen nutzbar gemacht werden kann. Dies zeigt den Paradigmenwechsel: weg von der reinen Objektpflege, hin zur Wissenskonservierung.
Eine moderne Methode zur Dokumentation ist die Nutzung von Versionskontrollsystemen wie Git, die ursprünglich aus der Softwareentwicklung stammen. Sie ermöglichen es, jede Änderung am Code, an Konfigurationsdateien und an der Dokumentation selbst lückenlos nachzuvollziehen. Das macht den Restaurierungsprozess transparent und reversibel.
Aktionsplan: Git-basierte Dokumentation für Medienkunst
- Repository-Struktur anlegen: Erstellen Sie eine klare Ordnerstruktur, die Quellcode, technische Dokumentation, Künstlerinterviews und Mediendateien voneinander trennt.
- Versionskontrolle für alles einrichten: Nutzen Sie Git, um jede Änderung an allen Dateien des Werkes zu versionieren, inklusive Kommentaren, warum eine Änderung vorgenommen wurde.
- Hardware-Anforderungen dokumentieren: Verfassen Sie detaillierte README-Dateien, die exakte Modellnummern, Betriebssystemversionen und alle zur Ausführung notwendigen Spezifikationen auflisten.
- Issues-System für Entscheidungen nutzen: Protokollieren Sie alle konservatorischen Probleme und Entscheidungen im Issues-Tracker des Repositories, um eine transparente Diskussionsgrundlage zu schaffen.
- Wiki für Anleitungen verwenden: Erstellen Sie einen Wiki-Bereich für detaillierte technische Anleitungen, Wartungsprotokolle und Anleitungen zur Fehlerbehebung.
Interview zur Erhaltung: Welche Fragen müssen Sie dem Künstler zu Lebzeiten stellen?
Die umfassendste Dokumentation bleibt unvollständig ohne die wichtigste Quelle: den Künstler selbst. Solange der Schöpfer eines Werkes lebt, besteht die einmalige Gelegenheit, das entscheidende „implizite Wissen“ zu erfassen, das in keinem Handbuch steht. Das Künstlerinterview ist daher keine optionale Ergänzung, sondern ein zentrales und unaufschiebbares Instrument der Konservierung. Es dient dazu, die definitorischen Parameter der Werk-Identität festzulegen und einen Handlungsrahmen für zukünftige technische Ausfälle zu schaffen.
Ein solches Interview ist ein strukturierter Dialog, der weit über eine einfache Unterhaltung hinausgeht. Es sollte idealerweise per Video und Audio aufgezeichnet und anschließend transkribiert werden. Der Fokus liegt darauf, eine Hierarchie der für das Werk wesentlichen Elemente zu etablieren. Was ist unveränderlicher Kern, und was ist austauschbare Peripherie? Es geht darum, die Grenzen der Veränderbarkeit auszuloten und die Intention des Künstlers als oberste Leitlinie für alle zukünftigen Entscheidungen zu verankern.
Die Vorbereitung ist entscheidend. Als Konservator müssen Sie sich tief in die Technik und den Kontext des Werkes einarbeiten, um die richtigen Fragen stellen zu können. Die Gesprächsatmosphäre sollte von Vertrauen und Partnerschaft geprägt sein, denn der Künstler übergibt ein Stück weit die Kontrolle über die Zukunft seines Werkes. Die zentralen Themenbereiche, die in jedem Interview abgedeckt werden müssen, sind die technischen Spezifikationen, die Flexibilität bei der Migration und die rechtlichen Rahmenbedingungen. Ziel ist es, einen „Fahrplan“ für den Notfall zu erstellen, der von der höchsten Autorität – dem Künstler – legitimiert ist.
Migrationsethik: Verändert ein neuer Flachbildschirm die Aussage einer Röhrenfernseher-Installation?
Die wohl heikelste Frage in der Medienkunstkonservierung ist die der Migration: der kontrollierte Transfer eines Werkes von einer veralteten auf eine neue Technologie. Wann ist ein solcher Schritt gerechtfertigt und wann zerstört er die Authentizität des Werkes? Diese Frage berührt den Kern der Konservierungsethik. Wie RadioMonster.FM in einem Beitrag zur Medienkunst-Erhaltung treffend bemerkt, ist die Herausforderung eine besondere.
Anders als bei traditioneller Kunst besteht die Herausforderung bei Medienkunst nicht nur darin, ein Objekt zu erhalten, sondern ein Erlebnis zu bewahren. Wenn ein Video von Nam June Paik auf einem Röhrenfernseher aus den 1970er Jahren gezeigt werden soll, gehört das Gerät selbst zum Kunstwerk. Doch was tun, wenn dieses nicht mehr repariert werden kann?
– RadioMonster.FM, Medienkunst bewahren: Warum Video, Sound und digitale Kunst besondere Pflege brauchen
Ein Röhrenmonitor hat eine physische Präsenz, eine Tiefe, eine gewölbte Glasoberfläche und eine spezifische Bildqualität (Flimmern, Zeilenstruktur), die ein moderner, gestochen scharfer Flachbildschirm nicht replizieren kann. Der Austausch der Technologie verändert unweigerlich die ästhetische und historische Aura des Werkes. Die Entscheidung für oder gegen eine Migration ist daher niemals rein technischer Natur, sondern immer eine kuratorische und ethische Abwägung.

Die Entscheidung muss auf einer tiefen Analyse der Werk-Identität basieren. Ist die spezifische Hardware nur ein Träger für den Inhalt (z.B. ein Video), oder ist sie selbst skulpturaler, konzeptueller oder historischer Bestandteil der Installation? Wenn letzteres der Fall ist, wäre eine Migration ein erheblicher Eingriff. Wurde dies jedoch im Künstlerinterview als mögliche Option definiert, kann sie der einzig gangbare Weg sein, um das Werk überhaupt erlebbar zu halten. Eine strukturierte Abwägung der Kriterien ist dabei unerlässlich.
Die folgende Tabelle, basierend auf den am ZKM entwickelten Strategien, bietet eine Entscheidungshilfe. Eine vergleichende Analyse der Kriterien ist für eine fundierte Entscheidung zentral.
| Kriterium | Originalerhalt | Migration auf neue Technik |
|---|---|---|
| Authentizität | 100% – Original-Look & Feel erhalten | 60-80% – Annäherung möglich |
| Langfristige Kosten | Sehr hoch – ständige Reparaturen | Mittel – einmalige Anpassung |
| Verfügbarkeit | Begrenzt – abhängig von Ersatzteilen | Hoch – dauerhafte Präsentation möglich |
| Künstlerische Intention | Vollständig gewahrt | Interpretation notwendig |
Dauerausstellung vs. Ruhephasen: Wann muss ein Exponat zurück ins Dunkle?
Im Gegensatz zu einem Gemälde, das passiv an der Wand hängt, sind viele Medienkunst-Installationen aktive, performative Systeme. Motoren drehen sich, Lampen leuchten, Prozessoren rechnen, Monitore strahlen. Jede Sekunde im Ausstellungsbetrieb bedeutet physischen Stress für die Komponenten. Kondensatoren trocknen aus, mechanische Teile nutzen sich ab, und die Leuchtkraft von Projektorlampen und Röhrenmonitoren nimmt unweigerlich ab. Eine Dauerausstellung ohne Unterbrechung ist für viele dieser Werke ein Todesurteil auf Raten.
Die Konservierung muss daher auch ein strategisches Betriebsmanagement umfassen. Anstelle einer permanenten Präsentation sind geplante Ruhephasen unerlässlich, um die Lebensdauer der originalen Bauteile zu verlängern. Während dieser Phasen wird das Werk abgeschaltet und unter optimalen klimatischen Bedingungen gelagert. Dies gibt nicht nur den Komponenten eine Pause, sondern bietet auch Zeit für präventive Wartung und Inspektion. Führende Museen wie das ZKM in Karlsruhe praktizieren dies, indem sie Schlüsselwerke aus ihrer Sammlung rotieren und fragile Stücke bewusst nur temporär zeigen, um sie für die Zukunft zu bewahren.
Die Wirkung von Restaurierung und Ruhephasen ist messbar. Nach einer umfassenden und aufwändigen Restaurierung, wie sie beispielsweise am Ludwig Forum für Internationale Kunst an Werken von Nam June Paik durchgeführt wurde, können selbst sensible Röhrenmonitore eine neue Nutzungsdauer von mindestens 20 Jahren erreichen. Diese Investition in die Restaurierung, kombiniert mit einem intelligenten Ausstellungszyklus, ist der Schlüssel zur Maximierung der Lebensspanne eines technologisch basierten Kunstwerks. Die Entscheidung, ein Werk temporär „ins Dunkle“ zu schicken, ist also kein Verlust für das Publikum, sondern eine Investition in seine langfristige Sichtbarkeit.
Veraltete Formate: Wie bleibt Ihre Medienkunst auch in 20 Jahren noch lesbar?
Neben der Hardware-Obsoleszenz lauert eine zweite, unsichtbarere Gefahr: die Obsoleszenz der Dateiformate. Ein perfekt erhaltenes Speichergerät ist nutzlos, wenn keine Software mehr existiert, die die darauf gespeicherten Dateien lesen kann. Proprietäre Video-Codecs aus den frühen 2000er Jahren, spezielle Bildformate alter Grafikprogramme oder Daten, die für längst vergessene Betriebssysteme erstellt wurden, stellen ein enormes Risiko dar. Die Konservierung muss sich daher intensiv mit der Langzeitarchivierung der digitalen Daten selbst beschäftigen.
Der Kern der Strategie ist die Migration auf offene, standardisierte und gut dokumentierte Formate. Ein Video im seltenen „RealVideo“-Format sollte beispielsweise in einen modernen, offenen Standard wie FFV1 innerhalb eines Matroska-Containers (MKV) überführt werden. Dieser Prozess muss verlustfrei erfolgen und penibel dokumentiert werden. Entscheidend ist auch die Anreicherung der Daten mit Metadaten. Standards wie METS/PREMIS ermöglichen es, technische Informationen (Auflösung, Codec, Erstellungsdatum) und konservatorische Maßnahmen direkt mit der Datei zu verknüpfen. Dies stellt sicher, dass zukünftige Konservatoren genau nachvollziehen können, was mit der Datei geschehen ist.
Eine kontinuierliche Risikobewertung ist dabei unerlässlich. Nicht jedes Format ist gleich stark gefährdet. Eine strukturierte Analyse hilft, Prioritäten für die Migration zu setzen und Ressourcen gezielt einzusetzen.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über das Risikoprofil gängiger historischer Medienformate und empfiehlt entsprechende Maßnahmen, um die Lesbarkeit der Inhalte für die Zukunft zu sichern.
| Format | Risikostufe | Empfohlene Maßnahme | Zeitrahmen |
|---|---|---|---|
| U-matic Bänder | Kritisch | Sofortige Digitalisierung | < 2 Jahre |
| Betacam SP | Hoch | Priorisierte Migration | 2-5 Jahre |
| MiniDV | Mittel | Geplante Digitalisierung | 5-10 Jahre |
| DVD-Video | Niedrig-Mittel | Monitoring | 10+ Jahre |
Zusätzlich ist eine robuste Backup-Strategie (z.B. die 3-2-1-Regel) mit regelmäßigen Integritätsprüfungen (Checksummen) notwendig, um Datenverlust durch Medienversagen vorzubeugen. Nur so bleibt die „Partitur“ des Kunstwerks auch in Jahrzehnten noch spielbar.
Das Wichtigste in Kürze
- Denken in Systemen, nicht in Objekten: Der Fokus muss auf der Erhaltung der Werk-Identität (Konzept, Verhalten, Ästhetik) liegen, nicht auf dem Fetisch der Original-Hardware.
- Dokumentation ist die ultimative Sicherung: Ein gut dokumentierter Quellcode und detaillierte Künstlerinterviews sind wertvoller als ein funktionierendes, aber nicht verstandenes Originalgerät.
- Proaktives Management statt reaktiver Reparatur: Strategien wie geplante Ruhephasen, Formatmigration und das Anlegen von Ersatzteillagern sind proaktive Maßnahmen zur Lebensverlängerung Ihrer Sammlung.
Klimakontrolle für Exponate: Wie Sie Papier und Textilien vor dem Zerfall schützen
Während der Titel den Schutz von Papier und Textilien hervorhebt, gelten die Prinzipien der Klimakontrolle in verschärfter Form auch für die komplexen Materialkombinationen der Medienkunst. Elektronische Bauteile, magnetische Datenträger und Kunststoffe reagieren extrem empfindlich auf Schwankungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Zu hohe Feuchtigkeit führt zu Korrosion an Platinen und Kontakten, während zu trockene Luft Kunststoffe spröde macht und die Gefahr statischer Entladungen erhöht, die Mikrochips zerstören können. Eine stabile Umgebung ist daher keine Option, sondern eine Grundvoraussetzung für jede ernsthafte Sammlung.
Die Standards für die Lagerung von Elektronik sind präzise. Museumsstandards, wie sie auch vom Verband der Restauratoren (VDR) empfohlen werden, sehen für die Lagerung elektronischer Kunstwerke stabile klimatische Bedingungen vor. Idealerweise sollten die Werte in einem Bereich von 18-22°C und 35-45% relativer Luftfeuchtigkeit liegen. Noch wichtiger als der exakte Wert ist die Vermeidung von schnellen Schwankungen. Ein konstantes Klima verlangsamt die chemischen Alterungsprozesse in Kondensatoren, schützt Lötstellen vor Brüchen und bewahrt die magnetische Schicht von Videobändern.
Diese Kontrolle erstreckt sich nicht nur auf das Depot, sondern idealerweise auch auf die Ausstellungsräume. Zudem müssen die Werke vor Staub, der sich in Lüftern festsetzt und zu Überhitzung führt, und vor Lichteinstrahlung (insbesondere UV-Licht), die Kunststoffe und Gehäuse ausbleicht, geschützt werden. Die Klimakontrolle ist die unsichtbare, aber fundamentalste konservatorische Maßnahme, die die materielle Basis für alle anderen Strategien sichert.
Die Fragilität unserer elektrifizierten und digitalisierten Zivilisation wird sichtbar – Geschichte schärft den Blick auf Gegenwart und regt an, mögliche Zukünfte zu imaginieren.
– ZKM Karlsruhe, zitiert im RadioMonster.FM Blog über Medienkunst-Erhaltung
Indem wir uns um diese fragilen technischen Artefakte kümmern, bewahren wir nicht nur Kunst, sondern auch Zeugnisse unserer eigenen, flüchtigen technologischen Kultur. Die sorgfältige Klimakontrolle ist die Grundlage, auf der die Langlebigkeit dieser Zeugnisse beruht.
Um die Langlebigkeit Ihrer Sammlung strategisch zu planen und die Essenz Ihrer Werke für die Zukunft zu sichern, ist der nächste Schritt eine detaillierte Bestandsaufnahme und Risikobewertung Ihrer wertvollsten technologischen Kunstwerke.
Häufig gestellte Fragen zur Erhaltung von Medienkunst
Welche technischen Spezifikationen sind für die korrekte Darstellung essentiell?
Dokumentieren Sie exakte Modellnummern der Hardware, Softwareversionen, Bildwiederholraten, Auflösungen und spezifische Einstellungen, die der Künstler als integral für das Werk betrachtet.
Wie flexibel darf bei technischem Versagen migriert werden?
Klären Sie mit dem Künstler Hierarchien akzeptabler Alternativen: Welche Komponenten sind unverzichtbar, welche können durch ähnliche ersetzt werden, und wo sind Emulationen zulässig.
Wer hat die Rechte an verwendeter Software und wie sind GEMA/VG Bild-Kunst geregelt?
Dokumentieren Sie alle Lizenzen, Rechteinhaber und notwendigen Genehmigungen. Bei Sound klären Sie die GEMA-Pflichtigkeit, bei visuellen Elementen die Ansprüche der VG Bild-Kunst.