Der Algorithmus als Kurator: Wie Instagram bestimmt, welche Kunst wir sehen

Veröffentlicht am März 11, 2024

Dem Instagram-Algorithmus blind zu folgen, ist eine strategische Sackgasse, die zu kreativem Burnout und Homogenisierung führt.

  • Der Algorithmus ist kein neutraler Kunstvermittler, sondern ein kommerzieller Gatekeeper, der Formate (Reels) und Ästhetiken bevorzugt, die die Verweildauer maximieren.
  • Wirkliche Sichtbarkeit im deutschen Kunstmarkt entsteht nicht durch virale Reichweite, sondern durch qualitative Interaktionen und den Aufbau einer souveränen digitalen Präsenz.

Empfehlung: Nutzen Sie Instagram nicht als Ihre primäre Galerie, sondern als strategischen Kanal, um eine qualifizierte Zielgruppe auf Ihre eigene Website und Ihren Newsletter zu leiten, wo Sie die Kontrolle über Kuration und Verkauf behalten.

Sie verbringen Stunden im Atelier, perfektionieren jedes Detail Ihrer Werke, fotografieren sie professionell und formulieren eine durchdachte Bildbeschreibung – nur um dann festzustellen, dass Ihr Instagram-Post nach wenigen Stunden in den digitalen Untiefen verschwindet. Ihre Reichweite stagniert oder sinkt sogar, während Sie bei anderen, scheinbar weniger anspruchsvollen Inhalten, eine explosionsartige Verbreitung beobachten. Diese Frustration ist für unzählige Künstler in Deutschland zur neuen Normalität geworden.

Die üblichen Ratschläge sind schnell zur Hand: „Poste konsistenter“, „Nutze mehr Reels“, „Finde die richtigen Hashtags“. Doch diese oberflächlichen Taktiken ignorieren die fundamentale Wahrheit: Der Instagram-Algorithmus ist kein neutraler Liebhaber der schönen Künste. Er ist ein kommerziell optimiertes System, das auf die Maximierung von Nutzerinteraktion und Verweildauer ausgelegt ist – ein digitaler Gatekeeper mit einer sehr spezifischen ästhetischen und formalen Agenda. Die alleinige Fokussierung auf seine Befriedigung ist nicht nur erschöpfend, sondern kann Ihrer künstlerischen Entwicklung sogar schaden.

Doch was, wenn die Lösung nicht darin besteht, noch lauter und häufiger nach den Regeln des Algorithmus zu rufen, sondern darin, seine Mechanismen analytisch zu verstehen und strategisch für die eigenen Ziele zu instrumentalisieren? Dieser Artikel bricht mit den gängigen Mythen. Wir werden untersuchen, wie die algorithmische Kuration funktioniert, warum sie eine bestimmte Art von Kunst bevorzugt und wie Sie als Künstler in Deutschland eine souveräne Strategie entwickeln können, die Sie unabhängig von den Launen Metas macht und Sie für den professionellen Kunstmarkt – für Galeristen in Berlin, Kuratorinnen in Köln und Sammler in München – sichtbar werden lässt.

Dieser Leitfaden ist in acht strategische Bereiche gegliedert, die Ihnen helfen, die Kontrolle über Ihre digitale Präsenz zurückzugewinnen und den Algorithmus als Werkzeug statt als Endgegner zu betrachten. Der folgende Überblick zeigt die Etappen auf dem Weg zu Ihrer neuen, souveränen Instagram-Strategie.

Reels vs. Fotos: Warum der Algorithmus bewegte Kunst bevorzugt und wie Sie das nutzen

Die organische Reichweite von statischen Bildern auf Instagram ist seit der Einführung von Reels drastisch gesunken. Dies ist kein Zufall, sondern eine strategische Entscheidung von Meta, um mit TikTok zu konkurrieren. Der Algorithmus priorisiert Videoinhalte, weil sie die durchschnittliche Verweildauer pro Session signifikant erhöhen. Für Künstler bedeutet das eine massive Herausforderung: Die stille Kontemplation eines detailreichen Gemäldes passt nicht in ein Format, das auf schnelle Schnitte, virale Sounds und sofortige Befriedigung ausgelegt ist. Der Versuch, klassische „Making-of“-Videos zu produzieren, führt oft zu Inhalten, die weder dem Werk noch dem Format gerecht werden.

Der Schlüssel liegt nicht darin, zum Videografen zu werden, sondern die Prinzipien erfolgreicher Reels auf den künstlerischen Prozess zu adaptieren. Der Erfolg des deutschen Autoblogger-Kanals Motoreport, der mit einem einzigen sprachfreien Reel über 662 Millionen Views erzielte, liefert die Blaupause: ein packender visueller Haken in der ersten Sekunde und eine universell verständliche Bildsprache. Für ein Kunst-Reel bedeutet das: Zeigen Sie nicht den langwierigen Prozess, sondern einen Moment der Transformation, eine überraschende Detailaufnahme oder das fertige Werk in einem unerwarteten Kontext. Es geht darum, visuelles Storytelling zu betreiben, das ohne Worte funktioniert und die Wiedergabedauer erhöht, weil der Betrachter Details entdecken will.

Ihr Aktionsplan für strategische Künstler-Reels

  1. Visueller Haken: Nutzen Sie die ersten 1-2 Sekunden, um das fertige Werk oder einen visuell fesselnden Ausschnitt zu zeigen, anstatt chronologisch zu beginnen.
  2. Sprachfreies Erzählen: Verzichten Sie auf gesprochene Erklärungen. Setzen Sie auf visuelle Dynamik und eine starke Bildkomposition, um global verständlich zu sein.
  3. Dynamik erzeugen: Integrieren Sie Zeitraffer-Effekte oder schnelle Schnittfolgen, die einen Prozess verdichten, anstatt ihn in Echtzeit abzubilden.
  4. Musik strategisch nutzen: Verwenden Sie lizenzfreie Musik oder kooperieren Sie mit lokalen Musikern, um GEMA-Probleme in Deutschland zu vermeiden. Der Ton soll die Bildwirkung unterstützen, nicht dominieren.
  5. Timing der Veröffentlichung: Posten Sie Reels zu den Hauptnutzungszeiten, typischerweise am Feierabend zwischen 18 und 20 Uhr, um die initiale Interaktion zu maximieren.

Timing ist alles: Wann ist Ihr Publikum online und aufnahmebereit?

Die Maxime „Poste so oft wie möglich“ ist ein Relikt aus alten Instagram-Tagen. Heute ist die Qualität und das Timing entscheidender als die reine Frequenz. Der Algorithmus testet jeden neuen Post an einer kleinen Gruppe Ihrer Follower. Erreicht dieser Post in kurzer Zeit eine hohe Interaktionsrate, wird er an eine größere Gruppe ausgespielt. Ein Post zur falschen Zeit – wenn Ihr Kernpublikum nicht online oder nicht aufnahmebereit ist – ist daher zum Scheitern verurteilt. Es geht darum, den Moment zu finden, in dem Ihre Kunst auf maximale Aufmerksamkeit trifft.

Die Herausforderung ist der digitale Lärm. Deutsche Instagram-Nutzer verbringen im Schnitt 29 Minuten täglich auf der Plattform, gefangen in einem endlosen Strom von Inhalten. In dieser kurzen Zeitspanne konkurriert Ihre Kunst mit Urlaubsfotos, Nachrichten und Werbeanzeigen. Der Künstler Oli Epp beschreibt diese Erfahrung treffend, wenn er von einem „endlosen Dopaminzyklus“ spricht. Ihre Aufgabe ist es, aus diesem Zyklus auszubrechen, indem Sie dann posten, wenn eine konzentrierte Betrachtung am wahrscheinlichsten ist: typischerweise am Feierabend oder am Wochenende, nicht während der hektischen Mittagspause.

Menschen in einer deutschen Kunstgalerie betrachten Werke während der Feierabendzeit, was die strategische Wichtigkeit des Timings symbolisiert.

Wie die Besucher in einer Galerie am späten Nachmittag, ist auch Ihr digitales Publikum zu bestimmten Zeiten empfänglicher für tiefgründige Inhalte. Nutzen Sie Ihre Instagram Insights, um die aktivsten Zeiten Ihrer spezifischen Followerschaft zu identifizieren. Ignorieren Sie generische Ratschläge und konzentrieren Sie sich auf die Daten, die Ihr eigenes Publikum liefert. Ein gut getimter Post pro Woche ist strategisch wertvoller als sieben Posts, die ins Leere laufen.

Kommentare und Saves: Welche Interaktionen pushen Ihre Reichweite wirklich?

Nicht jede Interaktion hat für den Algorithmus den gleichen Wert. Ein schneller Like ist das schwächste Signal. Kommentare sind stärker, aber Shares und insbesondere Saves (das Speichern eines Posts) sind die wahren Reichweiten-Booster. Ein Save signalisiert dem Algorithmus, dass Ihr Inhalt so wertvoll ist, dass der Nutzer ihn für eine spätere, intensivere Auseinandersetzung archiviert. Für Künstler ist dies ein entscheidender Hebel: Es ist das digitale Äquivalent zu einem Betrachter, der vor einem Werk verweilt und es fotografiert. Diese Interaktion zeigt tiefes Interesse und zukünftige Kaufabsicht.

Statt um belanglose Kommentare zu betteln („Was denkt ihr?“), sollten Sie gezielte Fragen stellen, die eine qualitative Auseinandersetzung provozieren. Eine Studie zeigt, dass 69,9% der Nutzer Fotos und Videos teilen, während 64% nach unterhaltsamem Content suchen. Ihr Ziel ist es, in die kleinere, aber wertvollere Gruppe derer vorzudringen, die Inhalte speichern. Fragen Sie nach der Interpretation eines Details, nach Assoziationen zu einer bestimmten Farbe oder nach dem historischen Kontext einer Technik. Solche Fragen filtern die oberflächlichen Betrachter heraus und aktivieren das kunstaffine Publikum.

Fallstudie: Von der digitalen zur physischen Interaktion

Ein herausragendes Beispiel für die strategische Nutzung von Interaktionen liefert die Akademie der bildenden Künste Wien. In speziellen Workshops wird Künstlern beigebracht, wie sie durch gezielte Fragen, etwa zur deutschen Kunstgeschichte oder zu spezifischen Techniken, hochwertige Kommentardiskussionen anregen. Das erklärte Ziel ist die Umwandlung dieser digitalen Gespräche in reale Atelierbesuche und Einladungen zu Ausstellungen in Städten wie Berlin oder Hamburg, was den wahren Wert von qualitativer Community-Bildung beweist.

Konzentrieren Sie Ihre Energie darauf, Inhalte zu schaffen, die es wert sind, gespeichert zu werden: Detailaufnahmen, die man zoomen möchte; Einblicke in Ihre Symbolik, die man später nachlesen will; oder eine Liste Ihrer kommenden Ausstellungen in Deutschland. Jedes „Save“ ist ein Votum für die Langlebigkeit Ihrer Kunst in der digitalen Welt.

Weg von Meta: Warum Sie nicht nur auf einen Algorithmus setzen sollten

Sich ausschließlich auf Instagram zu verlassen, ist, als würde man seine gesamte Kunstsammlung in einem einzigen, unversicherten Gebäude lagern, dessen Eigentümer jederzeit die Regeln ändern kann. Jede Algorithmus-Anpassung, jede neue Richtlinie oder eine willkürliche Sperrung Ihres Kontos kann Ihre über Jahre aufgebaute digitale Existenz von einem Tag auf den anderen auslöschen. Eine souveräne Digitalstrategie ist daher für jeden professionellen Künstler in Deutschland unerlässlich. Das Ziel ist nicht, Instagram zu verlassen, sondern es als einen von mehreren Kanälen zu nutzen, dessen primäre Funktion es ist, Traffic auf Plattformen zu lenken, die Sie selbst kontrollieren.

Die wichtigste dieser Plattformen ist Ihre eigene Website. Sie ist Ihr digitales Atelier, Ihr Archiv und Ihr Verkaufsraum in einem. Hier bestimmen Sie die Kuration, die Preisgestaltung und die Art der Kommunikation. Ein professioneller Newsletter-Aufbau, der den strengen deutschen DSGVO-Standards entspricht, ist das zweite Standbein. Er ermöglicht Ihnen den direkten, ungefilterten Kontakt zu Ihrer wertvollsten Zielgruppe: den Menschen, die aktiv zugestimmt haben, von Ihnen zu hören. Ergänzend können spezialisierte Kunstplattformen oder auch Business-Netzwerke wie LinkedIn für den Kontakt zu Kuratoren und Firmenkunden strategisch sinnvoll sein.

Die folgende Übersicht zeigt einige Alternativen und Ergänzungen zu Instagram, bewertet nach ihrer Relevanz für den deutschen Kunstmarkt.

Vergleich von Kunst-Plattformen und digitalen Kanälen für den deutschen Markt
Plattform Geschäftsmodell Reichweite DE DSGVO-konform
Artnet Provision pro Verkauf Hoch (Galerien) Ja
Singulart Kommission 30% Mittel Ja
LinkedIn Freemium B2B-fokussiert Teilweise
Eigene Website Selbstverwaltet Variabel Vollständig

Plattformen wie Instagram sind gemieteter Raum. Ihre eigene Website mit einem gepflegten Werkverzeichnis und direkten Kontaktmöglichkeiten ist Ihr Eigentum. Die Mitgliedschaft in der deutschen Künstlersozialkasse (KSK), die oft durch professionelle Verkäufe über die eigene Website erleichtert wird, ist ein weiteres starkes Signal der Professionalität gegenüber dem Kunstmarkt.

Homogenisierung der Kunst: Wie Algorithmen einen bestimmten visuellen Stil erzwingen

Eine der größten Gefahren der algorithmischen Kuration ist die subtile, aber unaufhaltsame Homogenisierung der Ästhetik. Der Algorithmus lernt, welche visuellen Muster – helle Farben, klare Kompositionen, befriedigende Texturen – die meiste Interaktion erzeugen, und spielt diese bevorzugt aus. Künstler, die um Sichtbarkeit kämpfen, passen sich bewusst oder unbewusst diesem „Instagram-Look“ an. Das Ergebnis ist eine globale visuelle Monokultur, die komplexe, düstere oder konzeptuell anspruchsvolle Arbeiten benachteiligt. Die Kunst wird zu Content, optimiert für den schnellen Konsum auf einem kleinen Bildschirm.

Sich diesem Druck zu widersetzen, ist eine bewusste strategische Entscheidung. Es bedeutet, auf potenzielle virale Reichweite zugunsten von künstlerischer Integrität und Nischenpositionierung zu verzichten. Die Karrieren etablierter deutscher Künstler wie Wolfgang Tillmans (210.000 Follower) oder internationaler Ikonen wie Nan Goldin (142.000 Follower) beweisen, dass Marktwert und Relevanz nicht von Followerzahlen im Millionenbereich abhängen. Ihre Profile zeichnen sich oft durch eine bewusst „anti-algorithmische“ Ästhetik aus, die als kritisches Statement zum Medium selbst gelesen werden kann. Diese Authentizität zieht ein Fachpublikum an, das nicht nach dem nächsten viralen Trend, sondern nach einer einzigartigen künstlerischen Position sucht.

Visueller Kontrast zwischen der texturierten, expressiven Malerei deutscher Kunsttradition und der sauberen, minimalistischen Instagram-Ästhetik.

Wie dieses Bild symbolisiert, stehen Künstler heute vor der Wahl: Passen sie sich der glatten, pastellfarbenen Ästhetik an, die der Algorithmus belohnt, oder bleiben sie einer komplexeren, vielleicht sperrigeren, aber authentischeren Bildsprache treu? Der Künstler Oli Epp, der selbst über Instagram Bekanntheit erlangte, fasst die Notwendigkeit einer souveränen Haltung zusammen:

Man kann nicht wirklich sagen, wie Instagram sich in den kommenden Jahren verändern und weiterentwickeln wird. Darum halte ich es für wichtig, dass ich mich als Künstler, der auf Instagram erfolgreich wurde, auch außerhalb der sozialen Medien etabliere.

– Oli Epp, musermeku.org Interview

Fachmagazine oder Instagram: Wo informiert sich die Elite des Kunstmarktes wirklich?

Eine gängige Annahme unter Künstlern ist, dass sich die „ernsthafte“ Kunstwelt – Galeristen, Kuratorinnen, etablierte Sammler – ausschließlich über Fachmagazine, Messebesuche und persönliche Netzwerke informiert. Instagram wird oft als rein kommerzielle oder oberflächliche Plattform abgetan. Diese Sichtweise ist gefährlich veraltet. Die Entscheidungsträger des Kunstmarktes sind längst auf der Plattform aktiv, nutzen sie aber anders: nicht zur reinen Unterhaltung, sondern als effizientes Scouting-Tool.

Gerade die jüngere Generation von Kuratoren, Kunstberatern und Galeriemitarbeitern ist digital-nativ. Sie sind es gewohnt, visuelle Informationen schnell zu filtern und neue Talente online zu entdecken, lange bevor diese in einem Magazin wie „Monopol“ oder „Art“ auftauchen. Insbesondere in der Altersgruppe der aufstrebenden Entscheidungsträger ist die Plattform omnipräsent. Eine Statista-Erhebung von 2024 zeigt, dass 87% der 20- bis 29-Jährigen in Deutschland Instagram nutzen. Diese demografische Realität kann der Kunstmarkt nicht ignorieren.

Für diese professionelle Zielgruppe ist ein Instagram-Profil der erste, schnelle Eindruck, eine digitale Visitenkarte. Sie suchen nicht nach der höchsten Followerzahl, sondern nach einer konsistenten künstlerischen Vision, professionellen Kontaktdaten und Hinweisen auf reale Ausstellungsaktivitäten. Ein gut gepflegtes Profil, das auf eine professionelle Website verlinkt, ist ein niedrigschwelliges Angebot zur weiteren Auseinandersetzung. Ein chaotischer Feed oder das Fehlen eines klaren künstlerischen Statements führt hingegen dazu, dass das Interesse erlischt, bevor überhaupt ein PDF-Portfolio angefragt wird. Instagram ist somit nicht der Ersatz für traditionelle Kanäle, sondern das entscheidende, vorgeschaltete Nadelöhr.

Warum Galeristen Ihr Portfolio nach 10 Sekunden schließen

Die Zeitspanne, in der Sie die Aufmerksamkeit eines Galeristen gewinnen können, ist brutal kurz. Früher galt die „10-Sekunden-Regel“ für die erste Seite eines per E-Mail eingesandten PDF-Portfolios. Heute hat sich dieser kritische Moment nach vorne verlagert, direkt auf Ihr Instagram-Profil. Bevor ein Galerist in Berlin oder Köln überhaupt den Aufwand betreibt, eine Datei herunterzuladen, wird er Ihren Account überfliegen. Dieser erste Scan entscheidet darüber, ob ein tieferes Interesse geweckt wird oder nicht.

In diesen wenigen Sekunden wird nicht primär die Qualität eines einzelnen Werkes beurteilt, sondern der professionelle Gesamteindruck. Gibt es eine klare, konsistente Ästhetik? Ist die Biografie (Bio) prägnant und informativ? Ist der Link zur Website prominent platziert? Eine Vermischung von professionellen Kunst-Posts mit privaten Urlaubsfotos, Selfies oder unklaren Inhalten ist eine der größten „Red Flags“. Es signalisiert mangelnden Fokus und ein fehlendes Verständnis für die Trennung von Person und künstlerischer Marke. Der Galerist sucht nach einer langfristigen Partnerschaft, nicht nach einem unvorhersehbaren Hobby-Künstler.

Der deutsche Berater Max Ruebensal bringt diesen Wandel auf den Punkt und unterstreicht die neue Rolle von Instagram als erstem Filter im Bewerbungsprozess:

Die ’10-Sekunden-Regel‘ gilt heute für das schnelle Scrollen durch den Instagram-Feed eines Künstlers, lange bevor ein PDF-Portfolio überhaupt geöffnet wird.

– Max Ruebensal, In 5 Schritten zum perfekten Künstler-Profil auf Instagram

Ihr Instagram-Profil ist somit nicht mehr nur eine Marketing-Plattform, sondern der erste, entscheidende Baustein Ihrer Galeriebewerbung. Jeder Post, jede Story und jedes Detail Ihrer Bio muss diesem prüfenden Blick standhalten und den Wunsch nach mehr wecken – nach dem Klick auf den Link zu Ihrer Website, wo das eigentliche Portfolio wartet.

Das Wichtigste in Kürze

  • Strategie vor Taktik: Verstehen Sie den Algorithmus als kommerziellen Gatekeeper, anstatt ihm blind zu folgen.
  • Qualität vor Quantität: Ein gut getimter Post mit hohem Interaktionspotenzial (Saves, Shares) ist wertvoller als tägliche, irrelevante Inhalte.
  • Souveränität ist das Ziel: Nutzen Sie Instagram als Kanal, um Traffic auf Ihre eigene Website und Ihren Newsletter zu lenken – Ihre wichtigsten, kontrollierbaren Assets.

Künstlerbewerbung bei Galerien: Wie Sie in Berlin oder Köln vertreten werden

Ein strategisch genutzter Instagram-Account kann der entscheidende Türöffner für eine Galerievertretung sein, insbesondere im kompetitiven deutschen Kunstmarkt. Es geht nicht darum, viral zu gehen, sondern die richtigen Personen auf sich aufmerksam zu machen. Ein durchdachtes Profil, das eine klare künstlerische Haltung, Professionalität und Engagement für die eigene Arbeit demonstriert, kann einen Galeristen dazu bewegen, den entscheidenden nächsten Schritt zu tun: den Kontakt aufzunehmen. Der Erfolgsweg des deutschen Künstlers Apsilon ist hierfür ein Paradebeispiel. Er nutzte die Plattform strategisch, um mit regelmäßigen, gesellschaftlich relevanten Inhalten von 3.000 auf über 40.000 Follower zu wachsen, was ihm die Aufmerksamkeit des Feuilletons und erste Galeriekontakte einbrachte.

Allerdings ist der Weg steinig und der Erfolg keineswegs garantiert. Eine Präsenz auf Instagram ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Der Kunstmarkt bleibt hochselektiv. Ernüchternde Statistiken zeigen, dass nur 3-4% der Absolventen der renommierten UdK Berlin langfristig von ihrer Kunst leben können. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer umfassenden Strategie, die über Social Media hinausgeht: die Teilnahme an Gruppenausstellungen, der Aufbau eines lokalen Netzwerks in Kunstvereinen und eine exzellente, aussagekräftige Bewerbungsmappe sind nach wie vor unabdingbar.

Instagram fungiert in diesem Prozess als Verstärker und als erster Beweis Ihrer Professionalität. Ein starkes Profil kann Ihre Chancen erhöhen, aus der Masse der Bewerbungen herauszustechen. Es zeigt einem Galeristen in Berlin, dass Sie nicht nur exzellente Kunst schaffen, sondern auch in der Lage sind, eine Community aufzubauen und Ihre Arbeit professionell zu kommunizieren – eine Fähigkeit, die im modernen Kunstbetrieb immer wichtiger wird. Der Algorithmus ist dabei ein Werkzeug, das Sie meistern müssen, aber das ultimative Ziel bleibt die Anerkennung im realen Kunstmarkt.

Der Weg zur Galerievertretung ist ein Marathon, kein Sprint. Um Ihre Strategie zu vervollständigen, ist es entscheidend, die Mechanismen der Bewerbung und die Rolle von Instagram darin vollständig zu begreifen.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihr Instagram-Profil nicht nur als Schaufenster, sondern als strategisches Instrument für Ihre Karriere im deutschen Kunstmarkt zu betrachten. Analysieren Sie Ihren Feed kritisch, definieren Sie Ihre Kernbotschaft und bauen Sie eine Brücke von der digitalen zur physischen Kunstwelt.

Häufig gestellte Fragen zur Künstlerpräsenz auf Instagram

Was sind die größten Red Flags für Galeristen auf Instagram?

Die größten Warnsignale sind eine unklare Trennung von privatem und künstlerischem Inhalt, fehlende oder unprofessionelle Informationen in der Biografie, eine inkonsistente visuelle Ästhetik über den Feed hinweg sowie eine übermäßige Anzahl von Selfies, die von der eigentlichen Kunst ablenken.

Welche Bio-Elemente sind für Galeristen entscheidend?

Absolut entscheidend sind: ein klarer Standort oder Atelierort in Deutschland (z.B. „Berlin-based artist“), ein kurzes, prägnantes Künstlerstatement, ein direkter Link zur professionellen Website mit Werkverzeichnis und die korrekte Einstellung der Profil-Kategorie auf „Künstler/in“.

Wie wichtig sind Followerzahlen für deutsche Galeristen?

Die reine Anzahl an Followern ist für professionelle Galeristen zweitrangig. Viel wichtiger ist die Qualität und das Engagement der Community. Ein einziger Kommentar eines bekannten Kurators oder Sammlers unter einem Ihrer Posts hat ein weitaus höheres Gewicht als tausende anonyme Likes von Bots oder einem irrelevanten Publikum.

Geschrieben von Miriam Kavel, Wirtschaftspsychologin und Karriere-Coach für die Kreativwirtschaft. Expertin für Selbstvermarktung, Preisverhandlung und mentale Gesundheit in künstlerischen Berufen.